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Praxis27. März 2026von Arne Frick

Warum die lautesten KI-Stimmen am wenigsten KI nutzen

Auf LinkedIn wird viel über KI geschrieben. Aber wer sie wirklich einsetzt, hat selten Zeit für lange Artikel. Eine Beobachtung aus der Praxis.

Mir ist in den letzten Monaten etwas aufgefallen. Die Leute, die auf LinkedIn am meisten über Künstliche Intelligenz schreiben, scheinen am wenigsten damit zu arbeiten. Und die, die sie täglich einsetzen, posten fast nie darüber.

Das klingt erstmal nach einer billigen Beobachtung. Ist es vielleicht auch. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Substanz steckt dahinter.

Das Muster

Scrollen Sie mal durch Ihren Feed. Sie werden ein wiederkehrendes Format finden: ein langer Text, ein KI-generiertes Bild, fünfzehn Schlagwörter am Ende. Der Inhalt liest sich, als hätte jemand einen einzelnen Gedanken auf zweitausend Wörter ausgewalzt. Akademiker kennen das als kleinste veröffentlichbare Einheit — nur diesmal andersherum: aus einer kleinen Einheit wird ein großer Artikel.

Warum? Weil die Plattformen Verweildauer belohnen. Wer lange Texte postet, bekommt mehr Sichtbarkeit. Das ist kein Geheimnis, das ist dokumentiert. Und so optimieren kluge Leute ihre Inhalte für einen Algorithmus statt für einen Leser.

Was passiert, wenn man KI wirklich nutzt

Ich arbeite seit dreieinhalb Jahren täglich mit KI. Nicht als Spielerei, sondern als Arbeitswerkzeug. Mein Arbeitstag sieht dadurch grundlegend anders aus als 2022. Recherchen, die ich früher aufgeschoben hätte, erledige ich jetzt nebenbei. Und Texte wie dieser hier entstehen zwischen zwei Terminen.

Aber: Ich poste kaum darüber. Nicht weil ich es verheimlichen will, sondern weil die gewonnene Zeit direkt in die nächste Aufgabe fließt. Wer KI als Werkzeug nutzt, hat am Ende des Tages mehr erledigt — nicht mehr gepostet.

Die Ironie der KI-Debatte

Die eigentliche Ironie: Viele der aufwendig produzierten KI-Meinungsartikel werden selbst mit KI geschrieben. Nicht als Denkpartner, sondern als Textmaschine. Der Algorithmus erzeugt den Text, der den Algorithmus füttert, der den Text belohnt. Der Algorithmus schreibt sich selbst seine Leserbriefe.

Ich habe nichts gegen KI-gestützte Texte. Ich schreibe selbst welche. Aber ob die KI dabei mitdenkt oder nur mitschreibt — das merkt man.

Was das für den Mittelstand bedeutet

Wenn Sie als Unternehmer auf LinkedIn nach KI-Orientierung suchen, achten Sie auf ein einfaches Signal: Beschreibt jemand, was er konkret getan hat? Oder beschreibt er, was man tun sollte? Die erste Sorte ist seltener. Und meistens kürzer.

In der Beratung erlebe ich regelmäßig, dass Geschäftsführer nach monatelanger LinkedIn-Lektüre verunsicherter sind als vorher. Zu viele Meinungen, kaum Erfahrungsberichte.

Mein Vorschlag wäre: Weniger lesen, mehr ausprobieren. Ein Nachmittag mit einem konkreten KI-Werkzeug bringt mehr Klarheit als zwanzig Artikel darüber, ob KI die Welt verändert. (Spoiler: Ja. Aber langsamer als die Artikel behaupten, und anders als sie beschreiben.)

Ein letzter Gedanke

Dieser Text hat knapp fünfhundert Wörter. Ich hätte ihn auf zweitausend aufblasen können — mit Zwischenüberschriften, Nummerierungen und einem KI-generierten Bild eines nachdenklichen Menschen an einem Laptop. Hätte dem Algorithmus gefallen. Ihnen wahrscheinlich weniger.

Arne Frick

breitengrad.ai — KI-Beratung für den Mittelstand